Hans Hollein  Mobiles Büro, 1969  © Courtesy Generali Foundation Vienna  Fotograf:  Gino Molin-Pradel Hans Hollein Mobiles Büro, 1969 © Courtesy Generali Foundation Vienna Fotograf: Gino Molin-Pradel - Mit freundlicher Genehmigung von: belvedere

Was: Ausstellung

Wann: 19.09.2012 - 20.01.2013

Ab 20. September widmet sich eine Ausstellung im 21er Haus dem Verhältnis von Arbeit und Kreativität und diskutiert die Tendenzen hin zu permanenter Effizienz sowie daraus resultierende Krankheitsbilder.

Das Leben heute bedeutet vor allem eines: Mit der zunehmenden Fülle an Lebensmodellen umzugehen. Es gilt, flexibel, mobil, kreativ, innovativ, autonom und…

Ab 20. September widmet sich eine Ausstellung im 21er Haus dem Verhältnis von Arbeit und Kreativität und diskutiert die Tendenzen hin zu permanenter Effizienz sowie daraus resultierende Krankheitsbilder.

Das Leben heute bedeutet vor allem eines: Mit der zunehmenden Fülle an Lebensmodellen umzugehen. Es gilt, flexibel, mobil, kreativ, innovativ, autonom und eigenverantwortlich zu sein und zu handeln. Allgemeine Arbeitsbedingungen haben sich zum Positiven gewandelt, und noch nie waren die Möglichkeiten und Chancen so vielfältig und zahlreich wie heute. Dennoch, was auf der einen Seite neue Freiheiten bringt, bedeutet auf der anderen Seite Selbstverausgabung in allen Lebensbereichen, was allzu oft zu Überforderung, Depression und Burn-out führt.

Effizienz und Rentabilität versus Lustgewinn und Weiterentwicklung „Das Leben ist schneller geworden, die Menschen atemlos. Ein Event jagt das nächste, und unser Privatleben ist ebenso durchorganisiert wie unser Berufsleben. Zeit ist zu einem kostbaren Gut geworden, sie ist eine rare und folglich immer wertvoller werdende Ressour- ce“, meint Agnes Husslein-Arco, Direktorin des Belvedere. Stillstand ist in diesem System unmöglich, da es den Gesetzmäßigkeiten von Effizienz und Rentabilität unterliegt. „Das 21. Jahrhundert steht mit Fortschritten in Kommunikation, Technik, Produktion und Transport für eine noch nie dagewesene Beschleunigung des Lebenstempos. Die optimale Nutzung von Zeit, das ideale ‚Timing‘ sowie präzises ‚Zeitmanagement‘ sind Grundinstrumente für erfolgreiches Arbeiten, oder provokanter gesprochen, erfolgreiches Leben“, ergänzt Betti- na Steinbrügge, Kuratorin der Ausstellung. Menschen definierten sich über Arbeit, dient sie doch der Selbstverwirklichung und der Positionierung in der Gesellschaft. Arbeit kann und soll die Individualität stärken, zur persönlichen Entfaltung beitragen, bereichernd und ge- nussvoll sein. Besonderes Augenmerk lag dementsprechend in den letzten Jahren auf der kreativen Arbeit, verspricht diese doch einen Lustgewinn und Weiterentwicklung. Sie ba- siert auf Flexibilität und Selbstkontrolle, und „Nicht-Arbeit“ ist keineswegs mit „Nichts-Tun“ gleichzusetzen. Das klassische Bild von Arbeit wird durch das kreative Bild von Arbeit er- setzt, dies löst aber nicht nur allgemeines Wohlbefinden, sondern erstaunlicherweise auch viele Probleme aus. Betroffen sind vor allem jene, die zwischen Arbeit und Freizeit keinen Unterschied machen können oder dürfen und von denen die totale Identifizierung verlangt wird. Dieses Gegenüber von Angst und Sicherheit stellt uns gerade in Zeiten großer Unge- wissheit vor zahlreiche persönliche Herausforderungen. „All diese Tendenzen finden ihren Widerhall in der zeitgenössischen Kunst, werden dort aufgezeichnet, diskutiert und visuell aufbereitet – vermehrt aus einer Innensicht heraus, stehen doch die Künstler mitunter im Fokus einer sich ausweitenden gesellschaftlichen Debatte“, so Agnes Husslein-Arco weiter. Die Ausstellung KEINE ZEIT. Erschöpftes Selbst/ Entgrenztes Können diskutiert diese Ent- wicklungen aus einer künstlerischen Position heraus.

Künstler als „role models“ für mobile und autonome Ich-AGs „Von der industriellen Revolution an war man geneigt, den Künstler mit seiner alternati- ven Lebens- und Arbeitsform als revolutionären Gegenentwurf zum Unternehmer zu se- hen. In Zeiten einer Arbeitswelt, welche sich durch Flexibilität und Mobilität, Kreativität und Innovation, Autonomie, Individualität und Eigenverantwortung definiert, hat sich der Künstler hingegen zu einer Art Idealbild entwickelt“, so Bettina Steinbrügge. War Kunst einst das utopische Gegenmodell zur leistungsorientierten und fremdbestimmten Erwerbs- arbeit, entwickelt sie sich heute vor unseren Augen zum Modell der mobilen und autono- men Ich-AG. „Künstler sind zu ‚role models‘ einer veränderten Arbeitssituation geworden, in der unbegrenzte Kreativität, smarte Selbstvermarktung, selbstmotivierte Produktivität, leidenschaftliches Engagement und innovative Lebens- und Arbeitsweisen stetig an Bedeu- tung gewinnen“, erklärt Direktorin Agnes Husslein-Arco. So stehen Künstler im Fokus einer sich ausweitenden gesellschaftlichen Debatte. Die Ausstellung KEINE ZEIT – Erschöpftes Selbst/Entgrenztes Können bündelt diese wichtigen, über das Kunstfeld hinausgehenden Fragestellungen. Die teilnehmenden Künstler machen ihre eigene Rolle zum Inhalt ihrer Arbeiten. Sie betrachten und analysieren das Thema der Arbeit allgemein, sprechen von Lust bis Überforderung, sehen die Langeweile als Ausweg oder erproben unterschiedlichste Formen der Verweigerung.

Künstler machen die eigene Rolle zum Inhalt ihrer Arbeiten Zu einer zentralen Praxis in Josef Dabernigs künstlerischer Arbeit zählt das handschriftliche Abschreiben von Texten. Mit seiner irritierenden Entscheidung für ein minutiöses, mecha- nisches Abschreiben von Schriftstücken weigert sich Dabernig, in der dafür benötigten Zeit zwanzig leichter zu erstellende Kunstwaren für den Markt zu produzieren. Der Künstler Christoph Meier hat wiederum ein Display für die Schau entwickelt, das nicht mehr als das absolut Nötigste erfüllt. Durch die scheinbare Unvollständigkeit – die in diesem Falle vollkommen ausreicht – verweist er nebenbei auf die Strukturen heutiger Übererfüllung. Auch Michel Majerus formuliert in seiner Arbeit your ideas get you killed II eine provokan- te Prognose: Die Vorgabe zur Selbstverwirklichung verleitet zu gewagten Zielsetzungen, die das Scheitern an den hohen, selbstauferlegten Anforderungen geradezu provozieren. Zum Thema der Müdigkeit hat Cosima von Bonin ein „Imperium der Ermüdung“ geschaf- fen: Während sich die Gesellschaft mit einem immer größeren Leistungsdruck und seinen Konsequenzen abkämpft, scheinen in einem Paralleluniversum überdimensionale Stofftie- re von einem kollektiven Erschöpfungszustand übermannt. In seiner Installation Enjoy / Survive (I) konfrontiert Olaf Nicolai zwei extreme Pole: In einer von Überfluss definierten kapitalistischen Welt scheint genussorientiertes Leben greifbar. Nicolais Arbeit erinnert in ihrer grellen Optik an ein Glücksrad. Der Grat zwischen Genuss und Überleben ist augen- scheinlich ein schmaler – man darf gespannt sein, wohin der Pfeil schlussendlich deutet.

Die Künstler der AusstellungThomas Baumann, James Benning, Cosima von Bonin, Josef Dabernig, Verena Dengler, Simon Dybbroe Møller, Manfred Erjautz, Claire Fontaine, Rodney Graham, Hans Hollein, Siggi Hofer, Judith Hopf, Lone Haugaard Madsen, Michel Majerus, Christoph Meier, John Miller, Ute Müller, Olaf Nicolai, Laura von Niederhäusern, Stefan Panhans, Josephine Pryde, Werner Reiterer, Kirstine Roepstorff, Santiago Sierra, Nicole Six & Paul Petritsch, Josef Strau, Adrian Williams Die Ausstellung wird von Interventionen und Performances von Studierenden des Pro- gramms Master in Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste, Wien, in Zusam- menarbeit mit den Lehrenden Diedrich Diederichsen und Constanze Ruhm begleitet: Ana de Almeida, Ilona Elizabeth Braun, Anke Dyes, Martina Kigle, Nathalie Koger, Kai Maier Rothe, Jan Hendrik Müller, Nina Prader, Maria Rodriguez, Claudia Sandoval Romero, Julia Tirler

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Tags: Wien